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Was entscheidet darüber, ob ein junger Mensch sein Potenzial entfalten kann? Mancherorts vor allem Talent, Fleiß, Disziplin, andernorts – wie in Malawi – etwas deutlich Grundlegenderes: Zeit, Ruhe, sauberes Wasser.
Der Unterschied beginnt noch vor dem Unterricht
Jaqueline ist Schülerin, die ein Ziel vor Augen hat: Sie möchte Ärztin werden. Lange Zeit stand diesem Ziel allerdings weniger ihr Können im Weg als ihr Alltag. Der begann oft vor Sonnenaufgang, mit Wasserholen, Fegen und Kochen, lange bevor an Schule überhaupt zu denken war. Der Schulweg folgte danach, häufig zu spät und erschöpft von der Arbeit. An manchen Tagen fiel der Unterricht ganz aus, weil die Aufgaben zu Hause Vorrang hatten.
Selbst einfache Dinge wurden zur Hürde. Es gab kaum Wasser, waschen konnte man sich, wenn überhaupt, mit einer gemeinsamen Plastikschüssel. Wer ungewaschen und müde im Klassenzimmer sitzt, denkt nicht über Formeln oder Texte nach. Die Konzentration ließ nach, die Noten auch. Und mit ihnen das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Der Wendepunkt kam Anfang 2025. Jaqueline bekam einen Platz im Mädchenwohnheim der Mtakataka Secondary School. Zum ersten Mal hatte sie geregelte Abläufe, Zeit am Morgen, zum Lernen und um im Tag anzukommen – und vor allem funktionierende Sanitäranlagen.
Im Wohnheim gibt es Duschen mit fließendem Wasser und einen geschützten Raum für die Mädchen, in dem Hygiene kein täglicher Kampf mehr ist. Jaqueline beschreibt selbst, wie sich dadurch nicht nur ihr Alltag, sondern ihr Auftreten verändert hat: „Ich beteilige mich mehr im Unterricht, erledige meine Aufgaben pünktlich und lerne mit einer Energie, die ich vorher nicht kannte. Innerhalb eines Jahres haben auch meine Lehrer diese Veränderung bemerkt.“ Jaqueline kommt vorbereitet in den Unterricht, beteiligt sich, erledigt ihre Aufgaben. Innerhalb eines Jahres gehört sie zu den besten Schülerinnen ihrer Klasse. Dabei ist sie nicht plötzlich einfach besser geworden. Sie kann nun aber endlich unter Bedingungen lernen, die Leistung überhaupt erst möglich machen.
Diese Veränderung ist kein Einzelfall. Wir sehen sie immer wieder, wenn wir auf die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler an unseren Schulen blicken. Immer wieder sehen wir, wie direkt sich scheinbar einfache Infrastruktur auf Bildung auswirkt. Wer nicht jeden Morgen um Wasser kämpfen muss, kann seine Energie auf etwas anderes richten.
Jaqueline Julius kann nun unbeschwert zur Schule gehen.
Simplex mit seiner kleinen Familie.
Ein ganz anderes Beispiel ist Simplex. Er ist Lehrer in Malawi und unterrichtet Biologie. Gleichzeitig hat er begonnen, sich selbst im Filmemachen weiterzubilden. Ohne Ausbildung oder Studio, hat er das genutzt, was verfügbar ist: Online-Ressourcen, Bücher und viel Eigeninitiative. Dass er diesen Weg gehen kann, liegt daran, dass er selbst Zugang zu Bildung hatte und heute darauf aufbauen kann.
Simplex löst ein konkretes Problem. Viele Pflichttexte im Unterricht bleiben abstrakt und schwer verständlich. Deshalb hat er eine dieser Geschichten als Film umgesetzt – mit einfachen Mitteln. Der Ansatz ist pragmatisch: Wenn Schülerinnen und Schüler den Stoff sehen statt nur lesen, verstehen sie ihn schneller und behalten ihn besser.
Der Film wird inzwischen in Schulen gezeigt. „Ich habe inzwischen mehr als fünfzehn eigene Filmgeschichten geschrieben und ein kleines Team aufgebaut, mit dem ich diese Arbeit weiterentwickle“, so Simplex. Schülerinnen und Schüler verstehen Inhalte schneller, Lehrkräfte nutzen ihn als Ergänzung im Unterricht. Gleichzeitig entsteht daraus eine zweite Ebene: Vorführungen können Einnahmen generieren, mit denen Simplex seine Arbeit weiterentwickelt und neue Projekte angeht.
Beide Geschichten lassen sich nicht ohne ihren Kontext verstehen. Malawi gehört zu den Ländern, in denen wirtschaftliche und strukturelle Herausforderungen den Alltag prägen. Schulen arbeiten mit knappen Ressourcen, Unterricht fällt aus, wenn Lehrkräfte fehlen oder Infrastruktur nicht funktioniert.
Wenn Wasser fehlt, funktionieren auch Toiletten nicht. Wenn Strom fehlt, bleiben Computerräume ungenutzt. Wenn Wege unpassierbar sind, kommen weder Unterrichtsmaterial noch Lehrkräfte zuverlässig an. Ganz zu schweigen vom beschwerlichen und teils gefährlichen Schulweg für Schülerinnen und Schüler.
In diesem Umfeld sind es oft keine großen Programme, die den Unterschied machen, sondern sehr konkrete Verbesserungen: ein funktionierender Brunnen, sichere Gebäude, Licht, sanitäre Anlagen. Dinge, die selbstverständlich wirken – bis sie fehlen.
Jaqueline kann heute lernen, weil ihr Alltag nicht mehr von Grundversorgung bestimmt wird. Simplex kann neue Wege gehen und anderen solche eröffnen, weil er einen unbändigen Willen und Zugang zu Bildung sowie Werkzeugen hat. Er verändert, wie gelernt wird.
Beide Geschichten zeigen, worum es im Kern geht: nicht nur darum, einzelne Lebensläufe zu verändern, sondern vor allem darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen überhaupt die Chance haben, etwas aus sich und ihrem Leben zu machen.